Bodenanker in der systemischen Beratung – eine sanfte Form der Aufstellungsarbeit
- Yuliya Grechukhina

- 16. März
- 3 Min. Lesezeit

Viele Menschen haben schon einmal von Familienaufstellungen gehört – und nicht selten lösen diese Bilder gemischte Gefühle aus - mit Recht. Vielleicht tauchen Vorstellungen von großen Gruppen auf, in denen fremde Menschen plötzlich Familienmitglieder darstellen. Manchmal werden solche Erfahrungen als intensiv oder sogar überwältigend beschrieben. Ja, leider. Weil danach die notwendige Integration von all den Impulsen und Erlebnissen nicht stattfindet.
In der systemischen Beratung gibt es jedoch auch eine sehr viel ruhigere und sanftere Form der Aufstellungsarbeit: das Arbeiten mit Bodenankern. Davon halte ich viel und habe mich darum bewusst dafür entschieden sie in meiner Praxis anzubieten. Hier geschieht alles in einem kleinen, geschützten Rahmen – meist nur zwischen Klient*in und Begleitung. Und vor allem das wichtigste dabei: Das Tempo bleibt vollständig bei der Person selbst. Die Überforderung wird vermieden.
· Wenn Beziehungen im Raum sichtbar werden ·
Bodenanker sind einfache Markierungen im Raum – kleine Karten, Tücher, Muscheln, Steine oder von dir selbst mitgebrachte und mit persönlicher Bedeutung verbundene Gegenstände auf dem Boden.
Sie stehen stellvertretend für wichtige Menschen, innere Anteile oder Beziehungsthemen. Was vorher nur im Inneren gespürt oder gedacht wurde, bekommt plötzlich einen Ort im Raum.
Manchmal entsteht dadurch etwas Überraschendes: Beziehungen, die sich innerlich verworren angefühlt haben, beginnen sich klarer zu zeigen und durch den Blickn aus der Makroperspektive wie von alleine zu sortieren. Es ist ein wenig so, als würde sich eine innere Landkarte der Beziehungen vor einem ausbreiten.
· Eine Aufstellungsarbeit im eigenen Tempo ·
In dieser Form der Arbeit bleibt die Klientin oder der Klient selbst in der aktiven Rolle.
Die Person entscheidet:
welche Elemente im Raum liegen
wo sie platziert werden
ob und wann ein Schritt näher oder weiter weg gegangen wird
Das Nervensystem bekommt dadurch etwas sehr Wichtiges als Erfahrung: Zeit und Wahlmöglichkeiten und stille Momente zum Verarbeiten. Gerade bei Bindungsthemen oder alten Beziehungserfahrungen kann es entscheidend sein, dass sich neue Perspektiven nicht unter Druck, sondern in einem Gefühl von Sicherheit entwickeln.
· Ein Unterschied zu brachialeren Formen der Aufstellung ·
Manche Menschen kennen Aufstellungsarbeit aus großen Gruppensettings, die auf Ansätze nach Bert Hellinger zurückgehen. Von dieser Handhabe haben sich die meisten systemischen Dachverände klar distanziert. Ich auch. Unter dieser Methodenanwendung können Prozesse sehr schnell und intensiv ablaufen. Für manche Menschen ist das hilfreich – für andere fühlt es sich jedoch zu direkt, zu schnell, überfordernd oder sogar fremdbestimmt oder -gesteuert an.
Die Arbeit mit Bodenankern geht einen anderen Weg. Hier steht nicht eine dramatische Inszenierung im Mittelpunkt, sondern ein achtsames Erkunden innerer Dynamiken.
Es geht weniger darum, „die eine Lösung“ zu finden – und mehr darum, dem Nervensystem neue Erfahrungen von Orientierung und Beziehung zu ermöglichen.
· Wenn sich eine neue Perspektive zeigt ·
Manchmal reicht schon ein kleiner Schritt im Raum, um etwas Wesentliches spürbar zu machen.
Ein neuer Blick auf eine Beziehung. Ein größerer Abstand zu einem alten Konflikt. Oder ein Ort, an dem sich der eigene Körper plötzlich ruhiger anfühlt und Sicherheit spüren kann. Solche Momente entstehen selten durch Druck, sondern durch Raum und Langsamkeit. Darum nehme ich mit für die Aufstellungsarbeit grundsötzlich 120 Minuten Zeit.
Sie entstehen, wenn Menschen beginnen, ihre innere Beziehungslandschaft mit Neugier und Mitgefühl zu erkunden. Und manchmal geschieht dabei etwas sehr Einfaches und gleichzeitig Tiefes:Eine alte Wunde bekommt einen neuen Raum – und kann beginnen, sich langsam zu schließen.



